Der Imkerverein
Forum Tierzucht und Tierhaltung in Niedersachsen: Zwischen Wolfsmanagement, Tierwohl und Ernährungssicherung
Am 9. April fand in Verden das Forum Tierzucht und Tierhaltung der Arbeitsgemeinschaft Niedersächsischer Tierproduzenten (ANT) im Bereich der Landwirtschaftskammer Niedersachsen statt. Hochrangiger Gast war Christian Meyer, Niedersächsischer Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz. Die Veranstaltung bot ein breites Themenspektrum – vom regional differenzierten Wolfsmanagement über Aquakultur, Imkerei und Weidetierhaltung bis hin zu den drängenden Herausforderungen im Stallbau und Immissionsschutz. Deutlich wurde: Die Tierhaltung in Niedersachsen steht vor erheblichen Zielkonflikten, zugleich besteht ein klarer politischer und gesellschaftlicher Gestaltungsauftrag.
Regional differenziertes Wolfsmanagement und Weidetierhaltung
Den Auftakt der Vortragsreihe übernahm Minister Christian Meyer mit einem Vortrag zu neuen Möglichkeiten eines regional differenzierten Wolfsmanagements und zur Förderung der Weidetierhaltung. Meyer ordnete zunächst die Entwicklung des Wolfsbestandes ein: Mit der erneuerten Roten Liste sei der Wolf in Niedersachsen nicht mehr als bedroht eingestuft zudem leben aktuell über 50 Wolfsrudel im Land. Der bislang strengste Schutzstatus habe in der Praxis zu einer starken Gewichtung zugunsten des Wolfes geführt, auch bei Fragen der Verhältnismäßigkeit – etwa bei Zaunauflagen. Dies habe sich nun mit der Herabsetzung des Schutzstatus verändert.
Seit dem 2. April können Wolfsentnahmen vereinfacht und anonymisiert erfolgen. Nach Rissbegutachtung, Freigabe durch das Ministerium und Beauftragung durch die untere Jagdbehörde könne gezielt gehandelt werden – entscheidend sei dabei die schnelle Entnahme des verursachenden Schadwolfs.
Das seit 3,5 Jahren tagende Dialogforum Weidetierhalter und Wolf habe zu konkreten Verbesserungen geführt. Zwar seien Fördermittel anfangs schnell ausgeschöpft gewesen, sie wurden jedoch zügig aufgestockt und auch zuvor gestellte Anträge bewilligt. Niedersachsen investiere aktuell 8,9 Mio. Euro jährlich in den Herdenschutz – mehr als die Hälfte der bundesweiten Mittel. Mit der Richtlinie SchaNa (Schaf- und Ziegenweidehaltung für Naturschutzzwecke in Niedersachsen) erhalten Tierhalter die Fördermittel direkt und können sie eigenverantwortlich einsetzen.
Weitere Erleichterungen beträfen die Förderkulissen: Seit dem 1. Januar 2026 reiche bei Rindern und Pferden ein Riss aus, um in die Kulisse aufgenommen zu werden, wodurch eine Zaunbauförderung von 80 % möglich sei. Für Schafe und Ziegen sei die Bagatellgrenze auf 50 Tiere angehoben worden, zudem können nun auch nicht landwirtschaftliche Nutzflächen einbezogen werden. Die entsprechenden Mittel seien im mittelfristigen Haushalt fest eingeplant. Meyer betonte, dass rund 80 % der Wolfsrudel nicht problematisch seien.
Auch über den Wolf hinaus adressierte Meyer zentrale Hemmnisse für die Weiterentwicklung der Tierhaltung. Erste Erleichterungen für Tierwohlställe in der TA Luft seien erreicht, weitere müssten folgen. Ziel sei eine Kompatibilität mit Förderprogrammen und dem Tierhaltungskennzeichnungsgesetz sowie ein verlässlicher Bestandsschutz. Ähnlich wie beim „Niedersächsischen Weg“ wünschte sich Meyer auch auf Bundesebene konsensuale Lösungen.
In der Fischhaltung verwies er auf bestehende Förderprogramme, etwa für die Binnenfischerei und Aquakultur. Seit dem 1. März des vergangenen Jahres sei die Landwirtschaftskammer Niedersachsen die einzige Bewilligungsbehörde. Dadurch erhoffe man sich eine praxisnähere Beratung und effizientere Bearbeitung der Anträge.
Grundsätzlich gelte: Wenn die Gesellschaft Naturschutz wolle, müsse sie auch die damit verbundenen Umweltleistungen angemessen bezahlen.
In der anschließenden Diskussion wurden Konflikte deutlich. Kritische Fragen zum Umgang mit einem Wolfsindividuum im Raum Hamburg, zu Verzögerungen bei Auszahlungen oder zur Situation an Deichen beantwortete Meyer teils mit deutlichen Worten. Er stellte klar, dass Zuständigkeiten einzuhalten seien, Herdenschutz auch im Deichbereich grundsätzlich möglich sei – wenn auch mit höherem Aufwand – und dass gerade dort verstärkte Entnahmen in sogenannten grauen Gebieten denkbar seien.
Leider hat Minister Meyer die Veranstaltung direkt nach seinem Vortrag verlassen und sich nicht die Zeit genommen, die Vorträge, die auf ihn als Zuhörer zugeschnitten waren, anzuhören und mit den Referenten zu diskutieren.
Die Vielfalt der Tierhaltung: Sparten unter wachsendem Druck
Im zweiten Teil des Forums wurde deutlich, wie unterschiedlich die einzelnen Sparten der Tierhaltung betroffen sind – und wie ähnlich sich zugleich die strukturellen Herausforderungen darstellen. In fachlich fundierten Vorträgen spannten die Referenten den Bogen von Aquakultur und Imkerei über Weidetierhaltung und Pferdezucht bis hin zu Geflügel- und Schweinehaltung. Allen Bereichen gemeinsam sind zunehmende Zielkonflikte zwischen Tierwohl, Umwelt- und Naturschutz, wirtschaftlicher Tragfähigkeit und Ernährungssicherung.
Aquakultur: Ökosystemdienstleistung ohne Vergütung
Torben Heese (Aschauteiche Eschede) beleuchtete die Situation der Aquakultur in Niedersachsen, einem der wichtigsten Bundesländer für Aal- und Forellenerzeugung, zunehmend aber auch für Zander, Wels und Karpfen. Die Aquakultur zeichne sich durch einen vergleichsweise geringen CO₂-Fußabdruck aus und sei daher folgerichtig im nationalen Strategieplan Aquakultur auf Bundesebene verankert.
Gleichzeitig sehen sich die Betriebe massiven Schwierigkeiten gegenüber. Zwar sind Förderquoten von bis zu 50 % möglich, doch viele der Ökosystemleistungen – etwa als Lebensraum für Libellen, Amphibien und Wasserpflanzen – bleiben unentgeltlich. Hinzu kommt, dass in vielen Natura-2000-Gebieten Managementpläne zur Teichbewirtschaftung fehlen, was Betriebe in rechtliche Unsicherheit bringt.
Besonders belastend sind steigende Verluste durch Prädatoren wie Kormoran, Fischreiher, Otter, Seeadler, Eisvogel, Waschbär oder Nutria. Heese bezifferte den Schaden eines einzelnen Otters auf rund 1.500 Euro pro Jahr. In der Karpfenerzeugung verschärft sich die Lage zusätzlich durch den Mangel an Satzfischen: Durch den Braunkohleausstieg fehlt einem großen Produzenten die Abwärme für die Aufzucht.
Problematisch sei zudem die baurechtliche Situation: Fehlende Privilegierung, hoher Wasserbedarf und restriktive Auflagen in Landschaftsschutzgebieten erschweren Investitionen. Damit stehe vor allem die Karpfenteichwirtschaft aktuell nicht zukunftsfähig da. Drängende Fragen seien daher: Wann werden Ökosystemdienstleistungen honoriert – und wie geht es nach dem Auslaufen des EMFAF-Förderprogramms im Jahr 2028 weiter?
Imkerei: Zwischen Naturschutzdebatte und neuen Gefahren
Im Vortrag von Jürgen Frühling (Landesverband Hannoverscher Imker e. V.) wurde die Bedeutung der Imkerei für Ernährung und Biodiversität hervorgehoben. Deutschland erreicht aktuell lediglich eine Eigenversorgung von rund 30 % beim Honig. Gleichzeitig nimmt die Diskussion um Honigbienen als mögliche Nahrungskonkurrenten für Wildbienen zu – insbesondere in Naturschutzgebieten.
Frühling warnte eindringlich vor pauschalen Verboten der Bienenhaltung in Schutzgebieten inklusive Pufferzonen. Dies käme faktisch einem weitgehenden Aus für die Imkerei gleich und würde paradoxerweise zur Verarmung der Flora führen, da es Pflanzen gebe, die zwingend auf die Bestäubung durch Honigbienen angewiesen seien.
Zunehmend Sorgen bereitet auch die Asiatische Hornisse, deren Nester inklusive Brut ein Gewicht von bis zu 30 kg erreichen können und massive Schäden in den Bienenvölkern verursachen. Ein praktischer Hinweis aus der Praxis betraf Altglascontainer: Dort träten häufig Wespenprobleme auf – einfache Deckel könnten hier bereits Abhilfe schaffen.
Weidetierhaltung und Hirtentum: Kulturlandschaft unter Druck
Carl Wilhelm Kuhlmann (Verband Lüneburger Heidschnuckenzüchter e. V.) stellte die Herausforderungen der Weidetierhaltung exemplarisch an seinem Betrieb mit rund 500 Muttertieren in ganzjähriger Hütehaltung dar. Neben dem Wolfsdruck belasten Tierseuchen wie das Blauzungenvirus die Betriebe erheblich. Die Impfpflicht – kombiniert mit tierärztlicher Durchführung – verursacht hohe Kosten, die nicht auf die Lämmerpreise umgelegt werden können.
Strukturell besonders kritisch sei der Nachwuchsmangel: Die Arbeitsbelastung, geringe Einkommen und eine schlechte Work-Life-Balance schrecken junge Menschen zunehmend ab. Umso wichtiger sei die internationale Aufmerksamkeit: 2026 wurde von den Vereinten Nationen zum Jahr der Hirten und Weidelandschaften erklärt, die Heide zudem zur Weidelandschaft des Jahres gewählt. Gleichzeitig wurden die Heidschnucken und die Altdeutschen Hütehunde von der Gesellschaft zur Erhaltung alter Haustierassen, GEH, zu gefährdeten Rassen des Jahres 2026 erklärt.
Sorge bereiten allerdings internationale Freihandelsabkommen wie Mercosur oder Australien, die die Wettbewerbsfähigkeit der extensiven Fleischproduktion zusätzlich erschweren – insbesondere bei Rassen mit geringer Reproduktionsleistung.
Pferdezucht: Das Wappentier in der Krise
Eindringliche Worte fand Ulrich Hahne (Hannoveraner Verband e. V.) zur Situation der Pferdezucht. Das Pferd sei nicht nur Wappentier Niedersachsens, sondern auch ein bedeutender Wirtschafts- und Imagefaktor im ländlichen Raum. Dennoch ist der Zuchtpferdebestand auf rund 20.000 Tiere gesunken.
Als Ursachen nannte Hahne ein Bündel an Einflussfaktoren: steigende Kosten infolge der Novellierung der Gebührenordnung der Tierärzte, zunehmende Wolfsübergriffe (seit 2015: 26 tote und 47 verletzte Pferde in Niedersachsen), rechtliche Hürden im internationalen Zuchtverkehr sowie gesellschaftliche Veränderungen. Insbesondere die Ganztagsschule führe langfristig zu weniger Kontakt von Kindern mit dem Pferd – mit Folgen für Reitsport und Akzeptanz.
Hinzu komme eine zunehmend strenge und teils dogmatische Tierschutzauslegung, die Betriebe verunsichere und einschüchtere. Wenn hier nicht gegengesteuert werde, stehe das niedersächsische Wappentier nachhaltig vor dem Aus.
Geflügel- und Schweinehaltung: Ernährungssicherung in Gefahr
In den Vorträgen von Friedrich-Otto Ripke (Niedersächsische Geflügelwirtschaft Landesverband e.V.) und Heiko Plate (VzF GmbH) wurde deutlich, dass insbesondere die intensiv tierhaltenden Sparten unter massiven politischen und rechtlichen Restriktionen leiden. Seuchen wie die Vogelgrippe haben massive Auswirkungen beispielweise auf die Elterntierbestände von Gänsen, gleichzeitig fehlt es an Genehmigungen und Investitionen für neue, tierwohlgerechte Ställe.
Ein Investitionsstau von mehr als 1,3 Mrd. Euro allein im Geflügelstallbau in Niedersachsen, komplexe Vorgaben der TA Luft, unklare Regelungen im Immissionsschutz sowie internationale Handelsabkommen ohne Folgenabschätzung gefährden die Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit. Beide Referenten machten klar, dass Tierwohl, Klimaschutz und Ernährungssicherung nur gemeinsam gedacht werden können – andernfalls drohe ein weiterer Abbau der heimischen Tierproduktion mit negativen Folgen für den ländlichen Raum.
Schlusswort: Gemeinsam Verantwortung tragen
Im abschließenden Fazit betonte Jürgen Frühling, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft, dass die Tagung gezeigt habe: Tierhaltung in Niedersachsen ist politisch gewollt und gesellschaftlich notwendig. Um sie zukunftsfähig zu gestalten, müssten Politik, Verwaltung und Praxis gemeinsam an einem Strang ziehen. Ebenso wichtig sei die Wertschätzung für die Familien, die hinter den Betrieben stehen.
Verfasst von Neele Dirksen
Bild: Referenten, Vorstand und Christian Meyer, nds. Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz